
Spooky Tooth The Last Puff (1970) *****


Gewinner-Pressung
UK, Island pink rim, ILPS 9117 (A-1U/B-1U) RI 1971
Klanggrad
Seite 1 A+++ / Seite 2 A+++
Zustand Cover / Vinyl: EX+ / M-
Pressungen im Shootout: Die Gewinner-Pressung und zwei UK Island pink label
Kommentare
Für dieses Shootout habe ich bewusst auf frühe englische Island-Pressungen gesetzt. Tom Ports Gewinner-Pressung war eine Pink-Label, aber oft schlagen die Island-Reissues die Originale. So auch diesmal! Kritiker werden korrekterweise einwenden, dass damit nicht das gesamte Spektrum möglicher Kandidaten abgedeckt habe. Deutsche Pressungen, japanische Ausgaben oder spätere Reissues könnten ebenfalls interessante Ergebnisse liefern. Mag sein. Aber warum sollte ich noch mehr Geld ausgeben und meine Zeit mit zahllosen Alternativen verbringen, wenn die frühen britischen Island-Pressungen ein derart hohes klangliches Niveau erreichen? Thanks God for Erfahrung!
Die Magie dieser Pressung liegt in ihrer Natürlichkeit. Harrisons Stimme steht plastisch zwischen den Lautsprechern. Das Piano besitzt Gewicht und Substanz. Die Gitarren schweben nicht künstlich im Raum, sondern wirken wie reale Instrumente, die gemeinsam mit den Musikern aufgenommen wurden. Besonders beeindruckend ist die Räumlichkeit. Das Schlagzeug steht nicht auf einer Linie mit den übrigen Instrumenten, sondern erscheint deutlich weiter hinten im Aufnahmeraum. Zwischen den Musikern entsteht Raum, sie sind exzellent separiert und man kann ihnen folgen. Remaster und spätere Reissues verlieren genau diese Qualität. Sie liefern vielleicht mehr Details oder mehr Druck – aber weniger Musik.
Die Pink-Rim-Ausgabe setzte sich mit deutlichem Abstand durch: tubey magic & master tape sound! Sie verband alles, was ich mir von diesem Album wünsche: enorme Räumlichkeit, natürliche Stimmen, kraftvolles Piano, hervorragende Instrumentenseparation, organische Dynamik, beeindruckende Präsenz.
Vor allem aber besitzt sie diese schwer zu beschreibende Selbstverständlichkeit.
Nichts klingt spektakulär, und genau deshalb klingt alles richtig.
Der Vorhang geht auf. Die Musiker betreten den Raum. Mehr kann man von einem Stück Vinyl kaum verlangen.
Seite 1
I Am The Walrus all-time favourite
Das Herzstück des Albums – eine der besten Beatles-Coverversionen, die ich kenne. Spooky Tooth verwandeln Lennons psychedelischen Klassiker in einen schweren, dunklen Bluesrock-Koloss. Alles wirkt langsamer, größer und körperlicher als beim Original. Lieblingsmoment: Im linken Kanal wird die Gitarre für einen Augenblick herrlich angeraut, knarzt beinahe. Keine spektakuläre Stelle, keine Sensation, aber genau solche Details machen große Pressungen aus. Mike Harrison singt, als hinge sein Leben davon ab. Das Piano besitzt Gewicht. Die Orgel füllt den Raum. Und wenn alles zusammenkommt, entsteht diese seltene Mischung aus Kraft, Groove und Atmosphäre.
The Wrong Time
Ein heimlicher Star des Albums. Der Song besitzt bereits vieles von dem, was Humble Pie (ich werde ausführlich berichten – bin Fan) später perfektionieren sollten: schwere Gitarren, Soul-Gesang und Groove statt Geschwindigkeit. Beeindruckend ist die Stimmenstaffelung. Der Gospelchor steht sauber vom Leadgesang getrennt im Raum. Die Stimmen verschmelzen miteinander und bleiben dennoch hervorragend nachvollziehbar. Dazu kommt ein wunderbar entspanntes Gitarrensolo, das genau das richtige Maß zwischen Zurückhaltung und Ausdruck findet. Die Rhythmusgruppe schiebt den Song mit einer Selbstverständlichkeit voran, die auf höchstem Niveau befindet.
Something To Say
Grooved, langsam & schwer. Großes Kino! Auch hier spielen die Gospel-Einflüsse eine wichtige Rolle. Der Song lebt weniger von spektakulären Soli als von der Kommunikation der Musiker untereinander. Besonders auf einer guten Pressung wird hörbar, wie viel Raum zwischen den Instrumenten existiert. Zum Ende taucht eine Maultrommel auf – eines dieser kleinen Details, die man leicht überhören kann und die dem Stück zusätzlichen Charakter verleihen.
Seite 2
Nobody There At All
Unglaublich cool. Bei jedem Hören denke ich unweigerlich an The Band und neuerdings, seitdem ich sie kenne, auch an die Band Cowboy. Der Song besitzt diese entspannte amerikanische Weite, die man bei einer britischen Band zunächst gar nicht erwarten würde. Die Instrumente stehen wunderbar frei im Raum. Der Gesang bleibt trocken und natürlich, nichts wird übertrieben. Gerade deshalb funktioniert es so gut. Der Song schleicht sich ins Herz und bleibt dort.
Down River
Der melancholische Mittelpunkt des Albums. Chris Staintons Piano trägt das gesamte Stück und verleiht ihm eine Tiefe, die mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt. Der Song besitzt Gewicht, nicht im audiophilen Sinne von Bass oder Dynamik, sondern emotional. Die Stimmung erinnert an Procol Harum.
Son Of Your Father
Energieboost! Spooky Tooth nehmen Elton Johns Komposition und verpassen ihr deutlich mehr Druck und Schmutz als dem Original. Zwei Gitarren arbeiten perfekt zusammen, die Hammond-Orgel schiebt kräftig von hinten an und Mike Harrison liefert eine weitere starke Gesangsleistung ab. Besonders die Snare Drum besitzt auf einer guten Pressung eine enorme Präsenz. Der Song marschiert nach vorne. Drive, Groove und Spielfreude. Was will man mehr?
The Last Puff
Viele Hörer schenken dem Instrumental vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Zu Unrecht! Für mich steckt hier deutlich mehr drin: Chris Staintons Pianofiguren ziehen sich wie ein roter Faden durch das Stück. Dahinter arbeitet eine kraftvolle Orgel, während die Band mit bemerkenswerter Lockerheit zusammenspielt. Nichts wirkt kalkuliert, nichts wirkt auf Effekt getrimmt. Es klingt einfach nach Musikern, die gemeinsam einen Raum betreten und anfangen zu spielen. Genau deshalb funktioniert es.
The Last Puff – die unterschätzte Schwester von Spooky Two
Wer sich mit Spooky Tooth beschäftigt, landet zwangsläufig bei Spooky Two (folgt auf HV). Das Album gilt vielen Fans als Meisterwerk der Band und gehört zweifellos zu den großen Klassikern des britischen Blues- und Progressive Rock. Doch was ist mit The Last Puff? Für mich ist das Album weit mehr als nur ein Nachzügler der klassischen Spooky-Tooth-Ära. Es ist eine faszinierende Momentaufnahme einer Band im Umbruch – und zugleich eine der am meisten unterschätzten Platten des frühen Island-Katalogs.
Nach dem ambitionierten, aber letztlich gescheiterten Experiment Ceremony stand die Gruppe praktisch vor dem Aus. Gary Wright verließ die Band, und die verbliebenen Mitglieder Mike Harrison, Luther Grosvenor und Mike Kellie fanden sich plötzlich in einer völlig neuen Situation wieder. Verstärkung kam aus der legendären Grease Band von Joe Cocker, weshalb das Album schließlich unter dem Namen Spooky Tooth featuring Mike Harrison erschien.
Das Ergebnis klingt anders als die Vorgänger. Wenn Spooky Two eine gewaltige Hammond-Orgel-Kathedrale ist, dann gleicht The Last Puff einer verrauchten Soul- und Blues-Kneipe um zwei Uhr morgens. Weniger Bombast, weniger Progressive Rock, dafür mehr Groove, mehr amerikanische Einflüsse und eine erstaunliche Nähe zu Künstlern wie Joe Cocker, The Band oder den frühen Humble Pie. Gerade diese Erdigkeit macht den besonderen Reiz des Albums aus.
Die Besetzung
• Mike Harrison – Gesang
• Luther Grosvenor – Gitarre
• Mike Kellie – Schlagzeug
• Chris Stainton – Piano, Orgel, Arrangements
• Henry McCullough – Gitarre
• Alan Spenner – Bass
Chris Stainton und Henry McCullough sollten später mit Künstlern wie Joe Cocker, The Who, Wings und vielen anderen Größen der Rockgeschichte zusammenarbeiten.
Brian Humphries und Glyn Johns
Zum Klang dieser Platte haben zwei Namen beigetragen, die unter Vinyl-Liebhabern Legendenstatus besitzen.
Brian Humphries arbeitete unter anderem mit Pink Floyd, Black Sabbath und Traffic. Seine Aufnahmen besitzen häufig eine bemerkenswerte Räumlichkeit und Natürlichkeit. Gerade auf The Last Puff fällt auf, wie organisch Stimmen, Piano und Gitarren miteinander verschmelzen.
Hinzu kommt Glyn Johns, für viele schlicht „The Soundman“ (sein Buch trägt auch diesen Titel). Seine Arbeit für die Rolling Stones, The Who, Humble Pie, Led Zeppelin, Faces oder die Eagles gehört zum Fundament des klassischen Rock-Sounds der 1970er Jahre. Johns war bei The Last Puff zwar „nur“ als Remix Engineer beteiligt, doch seine Handschrift ist dennoch spürbar: Luft zwischen den Instrumenten, natürliche Dynamik und eine beeindruckende Selbstverständlichkeit der Darstellung.
Eine gute frühe Island-Pressung kann genau diese Qualitäten hörbar machen.
The Weight (1968) & That Was Only Yesterday (1969) - beides im Beat Club
