
Alice Cooper Love It To Death (1971) *****H



Gewinner-Pressung
Side 1: US Warner Bros. palm tree, Santa Maria Pressung, RI 1973
Side 2: US Warner Bros. green label original, Pitman Pressung
Klanggrad: Seite 1 A++(+) / Seite 2 A++(+)
Zustand Cover / Vinyl: Palm tree EX- / EX+ Green EX / M-
Pressungen im Shootout: Pressungen im Shootout: 4 US Warner green label (einige „treated to death“), 1 US palm tree (Verkäufer schickte die falsche Pressung, ich hatte green label geordert…)
Kommentare
Dieses Shootout war ein schmutziger Job. Love It To Death war Anfang der 1970er Jahre eine typische Teenager-Platte. Die LP lief auf Partys, wurde verliehen, auf billigen Plattenspielern abgespielt und oft alles andere als pfleglich behandelt. Entsprechend schwierig ist es heute, Exemplare in gutem Zustand zu finden. Auf Discogs sind sie hochpreisig und meist falsch im Grading (jeder kennt das: man kauft M- und erhält VG-). Auch das unzensierte Cover habe ich nie in ansprechendem Zustand ergattert, und die zensierten sind meist auch ruiniert.
Das Ergebnis des Shootouts überraschte. Normalerweise schlagen die originalen Green-Label-Pressungen bei Warner IMMER die Re-Issues (JT, Grateful Dead, Van Morrison, The Faces etc.)! Hier gibt es jedoch eine Ausnahme – die erste und einzige Ausnahme, an die ich mich in meiner Sammlung erinnern kann: Eine Warner-Palm-Tree-Ausgabe erwies sich auf Seite eins als absolut konkurrenzfähig. Für die Seite zwei fand ich dann eine grüne Pitman-Pressung (Pitman oft ein Hinweis für guten Sound – längst nicht immer).
Beide Seiten erreichen für meine Ohren A++(+) Niveau. Zur absoluten Referenz fehlt vielleicht ein Hauch zusätzlicher Transparenz und Offenheit bei den Höhen. Eventuell existiert irgendwo da draußen noch eine bessere Pressung. Ich wünsche viel Glück beim Suchen :-)
Was sofort auffällt, ist der berühmte WHOMP-Faktor. Tom Port beschreibt damit die Kraft im unteren Frequenzbereich – und genau davon besitzen diese Pressungen reichlich. Bass und Schlagzeug liefern Druck, ohne jemals aufgebläht zu wirken. Die Gitarren klingen herrlich schmutzig und griffig. Nicht audiophil geschniegelt, sondern genau so, wie Hardrock Anfang der 1970er Jahre klingen sollte: rau, dreckig & lebendig!
Besonders beeindruckend ist die Dynamik und Korrektheit der Aufnahme (korrekt > spektakulär). Immer wieder fahren die Songs zurück, um im nächsten Moment mit voller Wucht zu explodieren. Auf diesen Pressungen springt die Musik förmlich aus den Lautsprechern. Bob Ezrins Produktion sorgt gleichzeitig dafür, dass trotz aller Härte Ordnung herrscht. Die Instrumente besitzen ihren Platz. Alices Stimme bleibt bei aller Rauheit verständlich. Die Arrangements entfalten sich mit bemerkenswerter Klarheit.
Das Ergebnis gehört für mich zu den besten Hardrock-Alben jener Zeit, und zu den besten Alice-Cooper-Platten überhaupt. Es macht einen Riesenspaß, es auf diesem Niveau hören zu dürfen.
Seite 1
Caught In A Dream
Der Opener legt los, als wolle die Band klarstellen, dass die Zeiten von psychedelischen Experimenten vorbei sind. Das Schlagzeug besitzt Punch, der Bass ist sauber definiert und die Gitarren kommen herrlich griffig aus den Lautsprechern. Auf einer großen Pressung fällt sofort die Stabilität des Klangbildes auf. Alles sitzt an seinem Platz. Ein perfekter Einstieg.
Tipp: Lauter drehen, wenn der Song endet. Denn was danach kommt, gehört zu den großen Momenten der Rockgeschichte:
I'm Eighteen all-time favourite
Der Song MUSS unbedingt LAUT abgespielt werden, so laut wie es nur geht! Je lauter, je besser. Kein Wunder, dass die Kids Anfang der Siebziger ausflippten. Der Text trifft genau diesen vulnerablen Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein: "I'm eighteen and I like it, love it, like it …"
Der Song fährt immer wieder zurück, nur um Sekunden später erneut zu explodieren. Genau diese Dynamik macht ihn so groß. Auf den besten Pressungen zeigen die Gitarren eine wunderbare Mischung aus Kraft und Transparenz. Coopers Stimme besitzt erstmals jene Rauheit und Autorität, die später seine großen Alben prägen sollte. Und dann das Ende: Die Orgel breitet sich aus, füllt den Raum und verleiht dem Song plötzlich eine Größe, die weit über klassischen Hardrock hinausgeht. Eine Hymne! Und was für eine – damals wie heute.
Long Way To Go
Tempo und Energie bleiben hoch. Das Riff marschiert kompromisslos nach vorne, während die Band einen tollen Groove entwickelt. Das Gitarrensolo gehört zu den Höhepunkten der Platte. Vielleicht hat Fast Eddie Clarke von Motörhead sich davon inspirieren lassen?
Der Titel könnte auch ein Motto für Hotstamper Vinyl sein: Wenn ich in meine Musik-Datei den Suchbegriff „A++“ eingebe, erscheinen über 800 Einträge – genug Arbeit also für die nächsten zehn Jahre!
Black Juju
Der dunkle Mittelpunkt des Albums. Die powervollen Drums mit der leisen Orgel im rechten Kanal erinnern an Iron Butterfly – In-A-Gadda-Da-Vida. Dann treiben mächtige, wirklich beeindruckende Gitarrenriffs den Song voran. Die Band konnte Atmosphäre erzeugen. Der Song entwickelt einen regelrechten Sog.
Seite 2
Is It My Body all-time favourite
Der Bass klingt auf den besten Pressungen fantastisch. Das Gitarrenriff und der Refrain besitzen Ohrwurm-Potenzial. Wochenlang kreist der Song im Kopf. Dazu kommt einer der typisch provokanten Alice-Cooper-Texte.
Besonders liebe ich die legendäre Performance im Old Grey Whistle Test (Link siehe unten), wenn Cooper zu seiner Boa singt: "What does it take to get inside of your mind?" Rock’n’Roll Zirkus in seiner schönsten Form. Herrlich!
Hallowed Be My Name
Keine Füllnummer, überhaupt keine auf dem Album. Für viele Bands wäre ein solchen Song der Albumhöhepunkt. Bei Alice Cooper ist er lediglich ein weiterer Beweis für die außergewöhnliche Qualität dieser Platte. Die Intensität bleibt hoch, die Emotionalität ebenfalls. Immer wieder tauchen neue Ideen auf, ohne dass der rote Faden verloren geht. Genau deshalb wirkt dieses Album so frisch.
Second Coming
Ein kurzer Übergang, aber ein wichtiger, die Atmosphäre verdichtet sich. Man spürt förmlich, dass etwas Großes bevorsteht. Bob Ezrin verstand bereits damals, wie man Spannung aufbaut und ein Album dramaturgisch zusammenhält.
Ballad Of Dwight Fry all-time favourite
Für viele Fans ein Masterpiece, und ich verstehe warum. Das Piano besitzt Gewicht; ein echtes Instrument mit Körper, Substanz und Präsenz. Die Akustikgitarren entfalten jene schwer beschreibbare "tubey magic", die nur große Analogaufnahmen besitzen. Dazu kommt ein Text, der auch mehr als fünfzig Jahre später nichts von seiner Wirkung verloren hat: "See my lonely mind explode..."
Die Intensität steigt Minute für Minute. Wenn Cooper schließlich den Verstand verliert, wirkt das noch heute verstörend und faszinierend zugleich. Eine der großen Hymnen des klassischen Hardrock.
Sun Arise
Ein ungewöhnlicher Abschluss. Nach den dunklen und dramatischen Momenten der zweiten Albumhälfte wirkt der Song beinahe befreiend. Die Band zeigt ihre Vielseitigkeit. Das Album endet nicht mit einem Knall, sondern mit einem Lächeln. Und der Gewissheit, gerade eines der besten Hardrock-Alben seiner Zeit gehört zu haben.
Der Urknall für Alice Cooper
Jede große Band hat ihr Schlüsselmoment. Für die klassische Alice-Cooper-Band war es Love It To Death. Vorher gab es zwei Alben voller Ideen, Experimente und gelegentlicher Genialität. Nach Love It To Death begann eine der beeindruckendsten Serien von Hardrock-Alben der 1970er Jahre: Killer, School's Out und Billion Dollar Babies, dann noch die ersten drei Solo-LPs.
Bob Ezrin – Der sechste Mann
Wenn Love It To Death der Urknall war, dann hieß der Zündmeister Bob Ezrin. Der damals erst Anfang zwanzigjährige Kanadier erkannte sofort das Potenzial der Band, brachte aber etwas mit, das den ersten beiden Alben gefehlt hatte: Struktur! Alice Cooper beschrieb Ezrin später mehrfach als eine Art „George Martin“ der Band.
Die Band probte Berichten zufolge zehn bis zwölf Stunden täglich, und das sieben Monate lang im sogenannten „Bootcamp“. Ezrin arbeitete Note für Note an den Arrangements und verwandelte selbst ausufernde Jam-Sessions in kompakte Hardrock-Hymnen. Sogar I'm Eighteen wurde von einer deutlich längeren Fassung auf die heute bekannte Form verdichtet. Nichts wirkt zufällig. Die Songs besitzen Struktur, Dynamik und Wiedererkennungswert. Gleichzeitig bleibt die rohe Energie erhalten, die Alice Cooper von vielen Zeitgenossen unterscheidet.
Bob Ezrins Einfluss kann man kaum überschätzen. Ezrin formte nicht nur den Sound, sondern sollte später unter anderem an Alben von Kiss und Pink Floyd (The Wall) mitarbeiten.
Kein Wunder, dass sich die Platte über eine Million Mal verkaufte. Der Rest ist Rockgeschichte.
Die Band
Zur Zeit von Love It To Death bestand Alice Cooper noch aus einer echten Band und nicht aus einem Solokünstler mit Begleitmusikern.
Alice Cooper – Gesang
Glen Buxton – Leadgitarre
Michael Bruce – Rhythmusgitarre, Keyboards
Dennis Dunaway – Bass
Neal Smith – Schlagzeug
Gerade diese Besetzung macht für mich einen großen Teil des Reizes aus. Viele spätere Alice-Cooper-Alben sind hervorragend, aber hier hört man fünf Musiker, die gemeinsam etwas aufbauen. Die Gitarren von Glen Buxton und Michael Bruce greifen ineinander, Dennis Dunaway spielt weit mehr als bloße Grundtöne und Neal Smith gehört für mich zu den unterschätztesten Schlagzeugern der frühen Siebziger. Das Ergebnis klingt wie eine Band, nicht wie ein Projekt.
Aufgenommen wurde im Dezember 1970 im RCA Mid-American Recording Center in Chicago. Produziert wurde das Album von Jack Richardson und Bob Ezrin für Nimbus 9 Productions. Chicago sollte für Alice Cooper noch eine Weile eine wichtige Rolle spielen. Auch das nachfolgende Album Killer entstand dort.
Der Sound ist roh genug für Hardrock und gleichzeitig kontrolliert genug, um die Arrangements hörbar zu machen.
Auch das Cover schrieb ein kleines Stück Rockgeschichte. Auf den ersten US-Ausgaben steckt Alice Cooper seinen Daumen durch den offenen Hosenstall. Für damalige Verhältnisse offenbar skandalös genug, um spätere Auflagen zu zensieren (!).
I'm Eighteen (Beat-Club, 1972)
I'm Eighteen (Reelin' In The Years Archives, 1971)
Is It My Body (The Old Grey Whistle Test, Nov 9, 1971)
Ballad of Dwight Fry (from Alice Cooper: Trashes The World)
